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Alban Janson
Experimentelle Besessenheit
Sind nicht die Menschen jeder Epoche davon überzeugt,
dass sich gerade mal wieder alles tief greifend verändert? Es stimmt ja
auch fast immer. Hinter den globalen Verschiebungen im Raum gibt es aber
auch die kleinen Sinnverschiebungen, die schon länger andauern und
ebenfalls eine Beobachtung verdienen. Bei den großen Veränderungen
unserer Zeit denkt man doch vorwiegend an Veränderungen der
räumlichen Verhältnisse im Weltmaßstab, auf regionaler
Ebene oder im Maßstab der städtischen Agglomeration. Aber wie
weit lässt sich ein Wandel im Raumverständnis auch bis in den
kleinen Maßstab verfolgen? Sind neben den veränderten Raumbeziehungen
zwischen Orten auch ortsimmanente Veränderungen unseres Umgangs
mit Raum und unserer Raumerfahrung im Gange? Verändert sich - parallel
zu den realen Kommunikations-, Verteilungs- und Bewegungsströmen -
unser räumliches Wahrnehmungsverhalten? Welche Konsequenzen hätte
das für den architektonischen Raum? Gibt es ihn überhaupt noch?
In unserem eigenen Kulturkreis drängen sich drei einschlägige
Beobachtungen auf.
Design
Alles scheint möglich. Zwar dient architektonischer Raum
nach wie vor bestimmten Zwecken. Doch für die Wahl der Bauformen,
aus deren Zusammenspiel der Raum entsteht, scheinen unendliche
Möglichkeiten geboten, seit kein verbindlicher gesellschaftlicher Konsens
mehr die Vermittlung von Bauaufgabe und Raumgestalt regelt. Diese Entwicklung,
die sich seit der Herausbildung der Architektenrolle als Baukünstler-Persönlichkeit,
über die Stildiskussion im 19. Jahrhundert und den Bruch der Moderne mit
sämtlichen vormaligen Gestaltbindungen in der Gegenwart zu provokativen
Hybridbildungen und phantastischen Formphantasien steigert, stellt nicht nur Geometrie
und Statik in Frage, sondern auch die typologischen Systeme und semantischen Codes.
Die von der Entwicklung neuer Rechenverfahren, Konstruktionsmethoden und Bauprodukte
unterstützte Experimentierfreude charakterisiert eine Aufbruchstimmung, in der es
so aussieht, als ob die Architekten den architektonischen Raum gemeinsam mit den
Ingenieuren neu erfinden würden.
Leider erzeugt aber die aufgeregte Umsetzung jeder noch so schrillen
formalen Idee in gebauten Raum oft gar keine experimentelle Spannung sondern nur
ermüdende Beliebigkeit. Das Zappen von einem Einfall zum anderen wirkt auf die
Dauer öde. Abgesehen von den originären Raumerfindungen der wirklich
innovativen Architekten, wandeln sich allerdings mit der wechselnden Form häufig
gar nicht der Raum oder das Raumverständnis, sondern nur das auf die Hülle
reduzierte Design. Statt mit neuen Raumerfahrungen zu experimentieren wird das immer
Gleiche nur unterschiedlich verpackt und mit schillernden und originellen Oberflächen
versehen. Dabei böten die Veränderungen in den realen Lebensverhältnissen
genug Anlass, Raumdispositionen substanziell neu zu modellieren. Bestätigt und
unterstützt werden solche Erscheinungen durch eine Architekturtheorie, die keinen
Unterschied zwischen Architektur und Design macht. Demnach halten nur „
Ewiggestrige“ noch am konkreten Raum als Medium der Architektur oder an authentischer
Raumerfahrung als Ziel fest.
Gleichzeitig verschärft sich jene andere Entwicklung, die von der Architektur fordert,
Raum vorrangig unter ökonomischen Verwertungskriterien zu produzieren.
Von den Regeln der Baukunst befreit, muss die Architektur sich nun den Regeln des
Kapitals unterwerfen. Dessen Ansprüche verschwistern sich nun in harmonischer Weise
mit den spektakulären Eruptionen der zeitgenössischen Architektur. Im globalen
Wettstreit um Aufmerksamkeit wird in einer „Ökonomie der Aufmerksamkeit“
(Georg Franck)
vom architektonischen Raum vor allem verlangt, dass er auffällt, was offensichtlich durch extravagante
Formen und Oberflächeneffekte am leichtesten erreicht wird.
Erlebnis
Aus der Perspektive der Alltagserfahrung gesehen, ist der architektonische Raum
Lebensort und Lebensumfeld. An seiner fundamentalen Aufgabe, der menschlichen Behausung
zu dienen, sind alle Wahrnehmungsmodi beteiligt. Der Raum wird nicht nur genutzt oder betrachtet,
sondern als umfassende Situation erlebt. Unser ganzes Dasein ist darauf eingestellt, da es
raumhaft verankert ist (Maurice Merleau-Ponty) .
In einer immer abstrakter werdenden Welt
erhält das intensive Erleben vollsinnlicher Wirklichkeit eine kompensatorische Aufgabe.
In der flachen, von Schrift und Bild beherrschten Kommunikationswirklichkeit, der die dritte
Dimension fehlt, erhalten alle Formen körperhaften und räumlichen Erlebens eine
existenzielle Bedeutung für die Vervollständigung einer umfassenden Lebensintensität.
Der architektonische Raum kann dazu beitragen, wenn er die Erfahrung der „Einbettung und
Immersion“ (Peter Sloterdijk)
im Lebensumfeld als Innerlichkeit konkret räumlich
artikuliert und durch Entfaltung einer komplexen Raumfülle für Bewegung und Handeln
verfügbar macht.
Im Unterschied zum ganzheitlichen Erleben des Im-Raum-Seins als existenzielle Basiserfahrung
hat sich am Ende des 20. Jahrhunderts eine degenerierte Variante als kulturindustrielles Allerweltsthema
verbreitet, vom Erleben zum „Erlebnis“. Dabei wird einerseits alles seuchenhaft zum
„Erlebnis“ deklariert, wenn es sich dadurch besser vermarkten lässt. Andererseits
erweist sich der tatsächliche Erlebnisgehalt im einzelnen Fall meistens als eine bloß
vordergründige, einseitige Reizsteigerung, als schnell verpuffender Gageffekt. Oder das „Erlebnis“
wird überhaupt nur im Bild dargestellt und als Erzählung vorgetragen. Der Raum jedenfalls wird in den
sogenannten „Erlebniswelten“ vorwiegend auf seine Funktion als Behälter für die
show bzw. als location reduziert. Selten wird im Erlebnisbad, -kaufhaus oder -park die räumliche Erfahrung
selbst erlebnishaft aufgeladen und die räumliche Situation als Ganze zum Erlebnis. Dabei bräuchte
man für diese Erfahrung keine Fachkompetenz, sie ist jedem zugänglich. Architekten müssen
ihre Arbeit nicht mit ästhetischen Spitzfindigkeiten, historischen Bezügen oder einer story erklären,
wenn sie mit ihren Räumen die Benutzer durch das unmittelbare Raumerlebnis in Bann schlagen können.
Doch anscheinend geht die Verflachung der Wirklichkeit durch unsere Bildkultur schon so weit, dass die
Empfänglichkeit der Menschen für intensive räumliche Eindrücke in unserer Kultur immer mehr
zurückgedrängt wird durch die Herrschaft der Oberfläche, der Bilder und Muster, so dass der Eindruck
entsteht, der schwelgerische leibliche Genuss räumlicher Vielfalt könne ersetzt werden durch den Blick
auf Tiefe suggerierende Oberflächen oder Bilder. Dabei handelt es sich aber doch nur um eine reduzierte Erfahrung,
gemessen an der dreidimensionalen, mit allen Sinnen erlebten Räumlichkeit, die das Thema der Architektur ist.
Architekten jedenfalls sind vom Raum besessen und können verschwenderisch mit gestaltetem Raum jede
Alltagssituation verzaubern, jede Handlung zum Ereignis und jede Bewegung zum Drama machen, eine Obsession,
die andere oft nicht verstehen können. Die Architektur aber als Kunst der Lebensraum-Inszenierung hat in einer
nach intensiven Erlebnissen lechzenden Gesellschaft wahrscheinlich eine größere Daseinsberechtigung als
jemals.
Selbstsorge
Auf der Ebene der personalen Identität seiner Bewohner übernimmt der architektonische Raum seit jeher
auch die Rolle der Absicherung eines räumlichen Versorgungsstandards. Der Wohnraum gehört zur
Grundversorgung mit lebenswichtigen Gütern. Man hat eine Wohnung, evtl. auch ein Haus. Man hat vielleicht
auch einen Laden, ein Büro. Die Verfügung über einen festen Wohnort und Arbeitsplatz verankert
die eigene Identität zusätzlich im Raum einer bestimmten Stadt oder einem Landschaftsraum.
Im Haben und Verfügen über einen ortsgebundenen Raum verbinden sich also seit langem die Sorge
um Eigentum und Wohlstand mit der Sicherung von Kontinuität und Konsistenz der eigenen Identität.
Beides beginnt, sich zu verändern. So wie in den meisten anderen Gesellschaftsbereichen nicht mehr die
Beseitigung von Mangel, die Kumulation von Eigentum und die ständige Steigerung des Wohlstands den
Antrieb des Handelns bilden, sondern stattdessen Strategien des Umgangs mit dem Überfluss entwickelt
werden, so stellen auch Wohnungen und Häuser nicht mehr in erster Linie Besitztümer dar, Dinge,
die man hat und deren materielle Objekt- und Werthaltigkeit im Vordergrund steht. Auch die Architektur muss
sich stattdessen an der Optimierung subjektiver Zustände beteiligen.
Doch auch während wir im Westen weiterhin im Überfluss leben, ändern sich - auch hinsichtlich
der Verfügung über Raum - allmählich die Bedingungen für die Erhaltung des Wohlstands.
Anstelle einer sicheren örtlich-räumlichen Basis ist unser Umgang mit Raum beeinflusst durch die
zunehmende Unübersichtlichkeit und Unsicherheit von Biographie und Identität. Die vom
Verwertungskampf erzwungene Vereinzelung und Individualisierung löst auch die Identifikation mit dem
Lebensraum auf und wirft jeden auf wechselnde Umgebungen zurück. Der Raum ist nicht mehr
unverrückbare Lebensbasis, sondern der „Ausbreitung des Prekären, Diskontinuierlichen,
Flockigen, Informellen“ (Ulrich Beck)
unterworfen. Infolgedessen stehen Raum und Wohnung, Ort und
Stadt dem Individuum nicht mehr als feste Bestandteile einer stabilen Umgebung gegenüber. An die Stelle
treten immer häufiger wechselnde Zustände, die als Situationen erfahren werden, d. h. als Komplexe
von zeitlichen und räumlichen Rahmenbedingungen, in denen die eigene Person selbst mit enthalten ist.
Die Wahrnehmung dieser Situationen ist daher immer auch Selbstreflexion. Die räumlichen Bedingungen
gehören zu dem Rahmen, in dem sich jeder selbst wahrnimmt. Im Wechselspiel mit ihnen experimentiert
jeder mit temporären Zuständen und modelliert in der Selbstsorge permanent seinen Lebensraum.
Chancen
In allen drei Beobachtungen wird neben einigen Problemen zugleich das Potenzial für ein verändertes
Verständnis von architektonischem Raum sichtbar, das zur Bereicherung unserer Raumerfahrung beitragen
könnte.
Vom Design zum Möglichkeitssinn
Auch wenn die „großen Erzählungen“ von den tradierten architektonischen Ordnungen
ihre Allgemeingültigkeit verloren haben, müssen damit die Prinzipien architektonischer Raumbildung
noch lange nicht einer formalen Beliebigkeit geopfert werden. Doch worin liegt der Wert einer Befreiung von
überkommenen Ordnungen? Wenn die architektonische Raumbildung nicht mehr einem kanonischen Nutzungs-
oder Gestaltungsschema folgen muss, kann sie sich differenzierter auf konkrete Bedingungen des Raumgebrauchs
und der Raumwahrnehmung einlassen. Das ist jedoch nicht möglich, wenn an die Stelle tradierter Formgesetze
die neuen Formzwänge der forcierten Auffälligkeit treten. Der entfunktionalisierte Blick verschafft uns
vielmehr eine Art „Möglichkeitssinn“ (Robert Musil),
wie er in jeder aufklärerischen
Experimentiergeste steckt. Er richtet sich nicht auf eine plakative Formwirklichkeit, sondern will den Raum in seinen
hintergründigen Schattierungen erkunden. Eine wirklich weiterführende Raumerfahrung, auf der
konzeptionellen genauso wie auf der sinnlichen Ebene, wird dabei vermutlich nicht in erster Linie durch Blobs, Falten
und komplexe Oberflächen befördert, sondern durch die aufmerksame Bewegung, das genaue Betasten
und das beharrliche Sich-Aussetzen, das auch in scheinbar einfachsten Raumgebilden eine große
Erfahrungsfülle entdeckt, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt, aber mit der man schließlich
nicht ohne weiteres fertig wird.
Vom „Erlebnis“ zur Körperlichen Phantasie
Wir erfahren den Raum der Architektur im Zusammenspiel von geistiger Durchdringung und leibhaftem Erleben.
In Wechselwirkung mit dem Verstand ist unser Körper daran nicht primär über den Fernsinn beteiligt -
ich hier, der Raum dort. Mit dem Körper erleben, heißt vielmehr, den eigenen Körper in Zusammenwirken
mit dem Raum spüren: Man denke an die Resonanz, den Widerhall meiner Bewegung und die Anwesenheit im Raum.
Das Tasten zeigt nicht nur die Oberflächen im Raum an sondern auch die eigene Körperoberfläche.
„Wir tasten das organische Raumgefüge nicht nur mit dem Auge, - das es in Bilder zerlegt, - sondern durch
die Bewegung mit unserer ganzen Körperlichkeit ab“ (Fritz Schumacher).
Die Bewegung erzeugt das
Raumgefühl über das Voranschreiten des Körpers in die Tiefe des Raums. Kenneth Frampton hat
für die Fähigkeit, den Raum leibhaft über alle Sinne und vor allem über die Bewegung zu erleben,
den Ausdruck „körperliche Phantasie“
vorgeschlagen. Sie ist nicht auf starke Reizzufuhr
angewiesen, sondern braucht Freiheit um sich zu entfalten. Der gegenwärtige Erlebnisdrang wäre dann
nicht zu beantworten durch vereinnahmende Inszenierungen, sondern durch Angebote für die leibliche Entfaltung
von Räumlichkeit und intensivierter Sinneswahrnehmung.
Von der Selbstsorge zur Exzentrizität
Kann der erzwungenen Individualisierung in der Sorge für die eigene Situation, bei der Politiker beschönigend
von „stärkerer Eigenverantwortung“ sprechen, ein kreatives Moment im Umgang mit dem Raum
zugestanden werden? Der für die Selbstsorge charakteristische Zwang zur Reflexion auf den eigenen
Zustand lässt eine Fähigkeit des Menschen deutlicher hervortreten, die Helmuth Plessner „Exzentrizität“
genannt hat: Das Leben des Menschen beschränkt sich nicht auf die Entfaltung der Weltbezüge von seiner
leiblichen Mitte her, sondern überschreitet sie um einen weiteren Schritt: Er ist in der Lage, zu sich selbst und
seiner Stellung in der Welt eine Distanz herzustellen. „Er lebt und erlebt nicht nur, sondern er erlebt sein Erleben (...)
Ist das Leben des Tieres zentrisch, so ist das Leben des Menschen, ohne die Zentrierung durchbrechen zu können,
zugleich aus ihr heraus, exzentrisch.“ Gezwungen, den Blick auf die eigene prekäre Lage zu richten,
kommt uns die fundamentale Fähigkeit zu Hilfe, uns selbst zusehen zu können wie beim Auftritt auf
einer Szene. Plessner hat folgerichtig die exzentrische Veranlagung des Menschen in Analogie zur „Anthropologie
des Schauspielers“ gesehen. Seiner selbst innewerden, sich selbst zusehen heißt, seiner selbst im Raum
innewerden, sich selbst mit und in einer räumlichen Situation zusehen. Der Raum wird zur Bühne unseres
Auftretens vor uns selbst und vor anderen.
Nehmen wir also den architektonischen Raum nicht aus einer sicheren Position heraus als etwas Dingliches hin, sondern begreifen ihn in exzentrischer Blickwendung als Entfaltungsrahmen unserer eigenen Situation, dann ist der Umgang mit ihm eine Angelegenheit von existentiellem Interesse. Hierin sind wir in Zeiten des tief greifenden Wandels bereit, ein hohes Maß experimenteller Energie zu investieren. Fähigkeiten, die jeder Mensch dazu braucht, sind Möglichkeitssinn und körperliche Phantasie. Architekten benötigen sie noch dringender, wenn sie die Architektur als Labor für „exzentrisches“ Erleben betreiben. Durch die erfinderische Entfaltung
der architektonischen Mittel entlocken sie ihr leibliche wie intellektuelle Intensitäten der Raumerfahrung.
Um aber die Leidenschaft für diese sinnlichen und geistigen Abenteuer gegen den Widerstand des alles
nivellierenden Verwertungszwangs aufzubringen, braucht es wohl eine gewisse experimentelle Besessenheit.
Alban Janson 2005
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