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Alban Janson und Sophie Wolfrum
Kapazität: Spielraum und Prägnanz
Der heikle Begriff eines “unsichtbaren Kerns der Architektur“ markiert die Schlüsselstelle einer aktuellen Kontroverse: Die Skeptiker runzeln die Stirn über die „Fundamentalisten“, die noch an den architektonischen Raum glauben, an die permanente Gültigkeit architektonischer Typologien und der kodifizierten Entsprechung von Raumgestalt und (sozialem) Inhalt. Für die „Fortgeschrittensten“ aber gibt es keine architektonische Authentizität mehr. An ihrer Stelle gelten vielmehr radikale Unbestimmtheit, Mehrdeutigkeit und Eigenschaftslosigkeit. Anstatt sich auf traditionelle Architekturrhetorik und repräsentative Formen zu stützen, soll eine „hybride“ architektonische Wirklichkeit weitgehend der subjektiven Aneignung überlassen werden.
Im Unterschied zu diesen gegensätzlichen Positionen enthält das Konzept der Kapazität einen Vorschlag, wonach auf die Unwägbarkeiten der aktuellen Entwicklung gerade mit einem spezifisch architektonischen Sachverhalt reagiert wird.
Wie viele Menschen passen in ein Stadion, wie viele in einen ICE, wie viele Stühle in einen Saal? Das sind schlichte Fragen nach dem quantitativen Fassungsvermögen eines Volumens. Kapazität meint aber mehr als nur das Quantitative. Der Begriff hat schon immer auch eine qualitative Bedeutung im Sinne von Vermögen, Befähigung und Aufnahmefähigkeit für Eigenschaften und Begabungen.[1]
Auch Architektur ist mehr als ein Behälter für Menschen, nicht nur ein Volumen Kubikmeter umbauter Raum, durch Maß und Zahl definiert. Sie ist mehr als ein geformtes Gefäß, das beliebig viele Inhalte (Bedeutungen, Nutzen, soziales Verhalten) bergen kann, die ihm von außen eingeschrieben werden.
Als Standardbeispiele für funktionale Kapazität von Architektur erscheinen aus heutiger Sicht jedem die Wohnungen der Gründerzeit. Sie weisen in Raumanordnung und -gestalt einen bestimmten Charakter auf und machen ein großzügiges Raumangebot mit offensichtlichen Gebrauchsqualitäten für das Alltagsleben. Dabei sind sie weder defensiv neutral noch zwanghaft funktionalistisch determiniert. Man kann sie als Familie nutzen, als Wohngemeinschaft oder mit einem Büro. Sie lassen sich repräsentativ oder chaotisch, sparsam oder überbordend möblieren.
Und dass ehemalige Fabrikgebäude sich als Galerien oder Museen für moderne Kunst eignen, liegt nicht nur an ihrer flexibel nutzbaren Raumdisposition bei entsprechenden Flächengrößen, sondern auch an der disziplinierten Gestaltung der Industriearchitektur. Deren zurückhaltende aber eigenständige ästhetische Kompetenz macht die gleiche Architektur auch für die Büros und Ateliers von Werbeagenturen, Designern u. ä. attraktiv. Hier weist die funktionale Kapazität in eine andere Nutzungsrichtung als bei den Gründerzeitwohnungen, aber in beiden Fällen die um weitere Beispiele zu ergänzen wären wirken zwei Faktoren zusammen:
Funktionale Kapazität von Architektur bezeichnet das Zusammenspiel zwischen der spezifischen Eigenart eines Raums, die den Umgang mit ihm prägt, und einer Offenheit für unterschiedliche Fälle seines konkreten Gebrauchs. Man kann es noch weiter zuspitzen: Gerade darin, dass sich der Raum in Form und Charakter als „Kondensator“ anbietet, besteht die Kapazität für erfahrbare Verschiebungen im zweckhaften Gebrauch.
Adolf Behne beschreibt dieses Wechselspiel von Form und Zweck als Merkmal einer rationalistischen im Gegensatz zur funktionalistischen Architektur: „Nicht handelt es sich bei dem Begriff ‚Form’ um Zutat, Schmuck, Geschmack oder Stil: Gotik bis Biedermeier, sondern um die Konsequenzen, die sich aus der Eigenschaft des Baues, ein Gebilde von Dauer zu sein, ergeben. Spitzt nämlich der Funktionalist den Zweck am liebsten zum Einmalig-Augenblicklichen zu für jede Funktion ein Haus! , so nimmt ihn der Rationalist breit und allgemein als Bereitschaft für viele Fälle, eben weil er an die Dauer des Hauses denkt, das mehrere Generationen mit vielleicht wechselnden Ansprüchen sieht und deshalb nicht leben kann ohne Spielraum. Der Rationalist ist nicht gleichgültiger gegenüber dem Zweck als der Funktionalist, steht nicht auf Seiten zweckverachtender Barockgenies, aber er meidet die Tyrannei des selbstherrlich gewordenen Zweckes. Sucht der Funktionalist die größtmögliche Anpassung an den möglichst spezialisierten Zweck, so der Rationalist die beste Entsprechung für viele Fälle. Jener will für den besonderen Fall das absolut Passende, Einmalige dieser für den allgemeinen Bedarf das möglichst gut Passende, die Norm. Jener ist nur Anpassung, Relation, Gestaltlosigkeit aus Selbstlosigkeit, Mimikry, dieser auch eigener Wille, Selbstbesinnung, Spiel, Form.“[2]
Für Behne stand neben der funktionalistischen und der „rationalistischen“ Auffassung von Architektur jene funktionsneutrale Architektur nicht zur Diskussion, wie sie heute vielfach als eine dritte Position geltend gemacht wird. Die Forderung nach extremer Flexibilität in der Architektur und das Lob der Brache wurden erst in den letzten fünfzig Jahren laut. Was Behne vorschlägt, kommt indessen dem sehr nahe, was mit Kapazität gemeint ist:
- Nicht die enge Festlegung auf eine bestimmte Funktion, sondern Spielraum für ein gewisses Spektrum von Handeln und Gebrauch.
- Nicht neutrale Unentschiedenheit und Flexibilität, sondern räumliche Prägnanz, die dem Handeln eine allgemeine Richtung gibt.
Kapazität zeigt sich im Zusammenspiel dieser beiden Faktoren: Spielraum und Prägnanz. Räume mit funktionaler Kapazität lassen einerseits dem Gebrauch eine Auswahl von Möglichkeiten, andererseits nehmen sie eine Abgrenzung dieser Auswahl vor, sie sind nicht für alles passend. Sie grenzen die Gebrauchsmöglichkeiten aber nicht im Sinne der geläufigen Nutzungsschemata ein, sondern nur der Richtung nach, indem sie etwa durch Bewegungsstruktur, Raumgestik und Gestimmtheit jeglichem Handeln einen spezifischen Charakter verleihen und Abweichungen bedeutsam machen.
Damit hat unsere Erörterung aber schon das Gebiet der Funktionen verlassen. In der Tat hat der Sachverhalt der Kapazität nicht nur im funktionalen Sinn Gültigkeit für die Architektur. Für die Architektur spezifisch ist ja nicht, dass sie primär mit Funktionen zu tun hat. Vielmehr ist Architektur kulturell geformter, gestalteter Raum. Raum nicht nur für Dinge und Nutzungen, sondern artikulierter Raum für komplexe Lebensprozesse. Müssen wir uns also zuerst fragen, welchen Begriff von Raum wir haben?
Raum
Das Modell von Raum, der wie ein Behälter Objekte aufnimmt, Raum als eine hinter den Dingen liegende absolute Größe, wurde in den Naturwissenschaften spätestens im 19. Jh. aufgegeben zugunsten komplexer, nur noch mathematisch zu beschreibender, abstrakter Konstrukte von Energiefeldern. Das im Alltag nicht unbrauchbare Behältermodell, das Dinge mittels Koordinaten in einem angenommen leeren Raum verteilt, war allein schon mit der Vorstellung von der Unendlichkeit des Raumes nicht mehr kompatibel. Dass Raum und Zeit irgendwie zusammenhängen, ist seitdem ein Gemeinplatz, auch ohne die begriffliche Schärfe der Naturwissenschaften zu gebrauchen. Mal ist die Zeit en vogue in der Architektur ist das ein Spezifikum der Moderne. Seit neuerem, im Kontext der „Zweiten Moderne“, reden wir vom spatial turn, in der Annahme, dass sich Ungleichzeitigkeiten im konkreten Raum überlagernd speichern, sich dort verschiedenen Zeiten begegnen können.
Auch die Humanwissenschaften haben parallel, mit zeitlichen Verschiebungen, zunehmend komplexere Raumtheorien entwickelt, die durch ihre Herkunftsdisziplinen geprägt sind. Die Komplexität drückt sich unter anderem dadurch aus, dass verschiedene Raummodelle nebeneinander gedacht werden. Alexander Gosztonyi führt in seiner umfassenden „Enzyklopädie“ von Raumtheorien[3] mindestens drei Sichtweisen parallel, die Menschen aus ihrer Erfahrung gewonnen haben: der durch die Sinne wahrgenommene Raum, der in der Anschauung erschlossene theoretisch konstruierte Raum, der in allen Modalitäten der Erlebnisfähigkeit erlebte Raum. Ähnlich versteht auch der Soziologe Henri Lefebvre[4] Raum nur „dreifaltig“ als l’espace perçu conçu vecu (perceived, wahrgenommen conceived, vorgestellt, erdacht lived, erlebt, gelebt).
Raum ist demnach externalisierte materielle Umwelt, physische Umgebung, die wahrgenommen werden kann (perçu). Raum ist erdacht, semiotische Abstraktion in der Sprache der Wissenschaften, der Wirtschaft, der Politik, der Planer, der Architekten (conçu). Raum ist zum dritten ein Medium gelebter sozialer Beziehungen, ein Medium durch welches der Mensch in Interaktion mit anderen Körpern sein konkretes Leben gestaltet (vecu).
Auch ohne eine Philosophie oder eine Soziologie des Raumes zu entfalten, können wir bereits festhalten: Der konkrete Raum, der in unserem Alltag eine Rolle spielt, ist nichts dem Leben Äußerliches sondern wird durch unsere Lebenspraxis erst konstituiert. Er ist aber auch kein reines Abstraktum unserer sozialen Praxis[5], sondern als materielle Ablagerung, als Medium der Wahrnehmung und Medium der physischen Interaktion mit unserer komplexen Umwelt, Objekt unserer Begierde und Sprache kultureller Setzungen.
Damit kommt die Architektur ins Spiel. Architektur ist die Kulturtechnik, die mit dem Medium Raum arbeitet, seitdem man von Kulturen sprechen kann. Architektur kann Raum in ausgreifender Weise über das Zweckrationale hinaus als kulturelle Situation gestalten.
Architektur
„Wir tasten das organische Raumgefüge nicht nur mit dem Auge, das es in Bilder zerlegt sondern durch die Bewegung mit unserer ganzen Körperlichkeit ab. Dadurch leben wir in dem Organismus, wir werden gleichsam ein Teil von ihm. Es sind doppelte sinnliche Eindrücke, die wir erleben, eine bereichernde Verbindung, die in dieser Art nur der Architektur eigen ist.“[6] Fritz Schumacher verdeutlicht mit dieser Formulierung eine Eigentümlichkeit der Architektur, wonach unser Handeln und unsere Bewegung im Raum, unabdingbar in die architektonische Wirklichkeit eingeschlossen sind.[7] Das betrifft nicht nur die praktische Nutzung, sondern alle Formen des praktischen und ideellen Umgangs mit dem Raum. Auf dieser Verzahnung von materieller Beschaffenheit und subjektivem Umgang aber gründet jede Konzeptionalisierung von Architektur. Wesentlich für eine Wohnung etwa sind nicht Anzahl, Größe und Lage der Räume an sich, sondern die Bewohnbarkeit durch Menschen. So sind auch die unterschiedlichen baulich-räumlichen Muster, nach denen Wohnungen, Wohnhäuser und ebenso jede andere Art von Architektur konzipiert werden, nie rein formal oder technisch motiviert, sondern immer auch als Konfigurationen von Bewegung und Handeln in Interaktion mit dem Raum, z. B. als Modelle des Wohnens, zu verstehen. Die Architekturgeschichte umfasst ein reiches Repertoire von solchen Konfigurationen aus Raumgebilde und Raumgebrauch.
Ein Verständnis von Architektur als reiner Ingenieurdisziplin zur Herstellung von Bauwerken als technischen Objekten, die an sich funktionieren müssen, Behältern vergleichbar, die noch auf ihre Befüllung warten, verfehlt daher das Architektonische. Doch der subjektive Umgang mit dem Raum fließt in die Architektur nicht nur durch dessen Thematisierung im architektonischen Konzept ein, wie das Wohnen im Sinne der Bewohnbarkeit. Vielmehr bestimmt er die architektonische Wirklichkeit verstärkt im performativen Vorgang der aktuellen Praxis selbst. Das Raumgefüge ein und derselben Wohnung strukturiert sich für jeden Bewohner anders, wird als andere architektonische Wirklichkeit erfahren. Diese Unterschiedlichkeit kann in der Planung nicht vollständig antizipiert werden. Das reale Bauwerk, das im Zusammenspiel von materieller Beschaffenheit und bestimmten Handlungsmustern eine charakteristische Konzeption repräsentiert, gibt dem jeweiligen konkreten Umgang mit dem Raum zwar eine bestimmte Richtung, eine typische Prägung. Der individuelle Erfahrungsgehalt der aktuellen architektonischen Wirklichkeit bleibt aber der jeweiligen performativen Aneignung überlassen.[8]
Kapazitäten der Architektur
Mit dem Ausdruck symbolisierende Kapazität hat Christian Norberg-Schulz 1963 ein spezifisches Potenzial architektonischer Formen bezeichnet. „Wir dürfen sagen, dass die Formen eine symbolisierende Kapazität besitzen, jedoch erst durch die semantische Wechselbeziehung mit den Bauaufgaben aktiv und wirklich werden.“[9] Bernhard Schneider hat den Begriff abgewandelt und mit dem Konzept der semantischen Kapazität[10] zu Formen der extrem flexiblen systemischen Architekturen der 60er Jahre Stellung genommen. Er widersprach damit der Vorstellung, Architektur könne gerade dann offen für die Entfaltung von Bedeutungen sein, wenn sie eine größtmögliche formale Flexibilität aufweise. Denn wenn Systeme semantisch leer sind, erzeugen sie nur ein „Rauschen“ ästhetischer Beliebigkeit. Eine Architektur, die der Aneignung im Gebrauch der Nutzer entgegenkommen soll, verlangt im Gegenteil ein hohes Maß an ästhetischer Komplexität. Semantische Kapazität bezeichnet also dasjenige Potenzial von Architektur, das prinzipiell daran beteiligt ist, der Alltagspraxis auch in den Kontrasten und im zeitlichen Wandel Bedeutung zu geben.
Dieses Potenzial kann die Architektur nicht entfalten, wenn sie ihr eigenes Metier aufgibt, Räume zu artikulieren. Je weniger Architektur desto offener der Gebrauch? Das ist ein Trugschluss, der regelmäßig in der Architekturdebatte und vor allem in der Urbanistik verhandelt wird. Verstünde man das Konstituieren von Raum nur einseitig als kontingentes Produkt sozialer Praxis vor dem Hintergrund einer diffusen Umwelt, die eine Gesellschaft immer auch in aller Zufälligkeit produziert, dann wäre das Ergebnis nicht Offenheit sondern Beliebigkeit. Keine Sprache nur Rauschen. Eine architektonische Substanz ist geradezu notwendig, um in einem performativen Akt mit neuen oder alten Bedeutungen versehen werden zu können.
Obwohl der Ausdruck erstmals durch die Semiotik eingeführt wurde, beschränkt sich die Idee einer Kapazität von Architektur nicht auf den Aspekt von Text und Bedeutung, ebenso wenig wie auf die praktische Nutzung. In jedem Fall tritt, wer sich in den Räumen des Hauses und der Stadt bewegt, mit seiner Alltagswirklichkeit nicht einer architektonischen Form als ästhetischer Wirklichkeit gegenüber, an der er Bedeutungen „abliest“ oder der er Funktionen „zuordnet“, sondern vollzieht die architektonische Wirklichkeit praktisch durch seine eigene leibliche Beteiligung. Interpretieren wir diesen Zustand gemäß der menschlichen „Exzentrizität“ als den eines Akteurs auf der Szene[11], der sich selbst zusieht, dann ließe sich folglich das Erleben von Architektur nicht nur als performativ sondern geradezu als „szenisch“ bezeichnen. So wäre szenische Kapazität der funktionalen und semantischen Kapazität noch übergeordnet. Auch für die „szenische“ Erfahrung stellt Architektur nicht nur neutrale Schauplätze bereit. Eine Wertschätzung erhalten meine Bewegung, mein Handeln im Raum erst dann, wenn sie sich aus Einerlei und Belanglosigkeit absetzen. Die architektonische Raumfassung kann uns für den Wert unseres Handelns sensibel machen, Architektur besitzt dafür ein Instrumentarium. Die eingesetzten architektonischen Mittel erzielen nicht durch illusionistische Ausmalung sondern eher durch ein gewisses Maß an Abstraktheit in der Ausformung eine besondere Art ästhetischer Prägnanz, die nicht nach den gewohnten Verständnisschemata abzuhaken und zu übergehen ist, die aber die Offenheit der Situation unterstützt.
In der Regel wird der Charakter des Ortes dafür eine Rolle spielen. Nicht dadurch, dass Orte symbolisch besetzt sind, in dieser Hinsicht würde das Maß an szenisch offener Kapazität womöglich durch erstarrte Bedeutungen eingeschränkt. Doch gerade dann, wenn Orte[12] nichts repräsentieren, können sich ihre spezifische Raumgestik, Gestalt und Atmosphäre als unverwechselbare Bedingungen einer Architektur mit szenischem Aneignungspotenzial niederschlagen. Daran sind vor allem Parallelen zwischen Raumstrukturen und menschlichen Grunddispositionen beteiligt: Dimensionalität und Ausgedehntheit, Bewegungsduktus und Raumgestik, Rhythmen und Spannungsfelder, Raumachsen und Richtungen, eine Vielzahl von latenten Strukturen konstituieren das Kräftefeld[13] des architektonischen Raums. In diese Strukturen finden sich die Bewohner und Benutzer durch Orientierung, Haltung und Bewegung einbezogen.
Alle genannten Eigenschaften, die der Architektur zugeschrieben werden können, stehen in einem Spannungsverhältnis von Substanz und Kontingenz. Dieses Spannungsverhältnis von Substanz und Kontingenz berührt das Entscheidende, es definiert Kapazität. Auf der Seite von Substanz stehen: Artikulierte Räume, dichte Atmosphäre, ästhetische Komplexität, Form und Material, architektonisches Repertoire, Prägnanz. Auf der Seite von Kontingenz stehen: performativer Aspekt, Offenheit, Variabilität im Gebrauch, Verschiebung von Bedeutung, Aneignungsmöglichkeiten, Spielraum.
Architektur als Kulturtechnik verfügt über ein Repertoire von innerarchitektonischem Material und Strukturen (Substanz), das in einem kulturellen Ereignis Wirklichkeitscharakter entfaltet. Erst in diesem performativen Akt zeigt sich die angestrebte Offenheit (Kontingenz) als das Vermögen, Vielfalt und Gleichzeitigkeiten zu bergen. Kapazität bezeichnet die Anlagerungsfähigkeit, die Architektur offensiv anbieten kann, ihre Prägnanz mit einem Anklang an das englische pregnant (schwanger), ihr Fassungsvermögen für unterschiedliche Deutungen und Fiktionen, für Gebrauch und Missbrauch, Gemeinschaft und Eigensinn
Alban Janson und Sophie Wolfrum 2006
[1]„Fassungsvermögen, (geistige) Aufnahmefähigkeit“, auch konkret gebraucht im Sinne von „hervorragender Fachmann“: Das seit dem 16.Jh. bezeugte Fremdwort geht auf lat. capacitas „Fassungsvermögen, geistige Fassungskraft“ zurück. Das zugrunde liegende Adjektiv lat. capax „viel fassend; befähigt, tauglich“ ist abgeleitet von lat. capere „nehmen, fassen; begreifen usw.“ (vgl. kapieren). Duden, das Herkunftswörterbuch. Mannheim 1989, S. 326
[2] Adolf Behne, Der moderne Zweckbau (1925). Berlin 1998 (Reprint der Ausgabe von 1926), S. 62f
[3] Alexander Gosztonyi, Der Raum. Geschichte seiner Probleme in Philosophie und Wissenschaften. Freiburg München 1976
[4] Henri Lefebvre,The Production of Space (Paris 1974). London 1991.
[5] Die Geographie als die Raumwissenschaft par excellence ging soweit, Raum als inexistent zu erklären und zur Sozialwissenschaft zu mutieren, nachdem es keine unbekannten Territorien mehr zu entdecken gab.
[6] Fritz Schumacher, Das bauliche Gestalten. In: Handbuch der Architektur. IV. Teil, 1. Hlbd. Leipzig 1926, S. 30.
[7] Diese Einschätzung wurde in der Architekturtheorie, von August Schmarsow, Rudolf Schwarz, Hans van der Laan bis zu Kenneth Frampton immer wieder bestätigt. Neuerdings hat Peter Sloterdijk den Gedanken in seiner Sphärentrilogie aufgegriffen und dafür den Ausdruck „Immersion“ verwendet. P. Sloterdijk, Sphären III Schäume. Frankfurt/M 2004, S. 523ff.
[8] Auf die Bedeutung des performativen Moments für die architektonische Wirklichkeit ist in letzter Zeit verschiedentlich hingewiesen worden. Vgl. zur Rolle des „Betroffenen“ als „Mitmacher“ z. B. Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo, Editorial: Governance. In: Arch+ 173, Mai 2005, S. 7. Die Affinität zu Theater und Inszenierung behandelt Sabine Schouten, Sehen und Gesehen-Werden. Zur architektonischen Inszenierung theatraler Prozesse. In: Szenische Kapazität. Die Erfahrung von Architektur zwischen Bild- und Raumerlebnis. Symposion 11./12. Mai 2005 Universität Karlsruhe. Zum außerarchitektonischen Kontext vgl. Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“, FU Berlin.5
[9] Christian Norberg-Schulz, Logik der Baukunst (Oslo 1963). Gütersloh Berlin München 1968, S. 182
[10] Bernhard Schneider, Was hat der linguistische Strukturalismus mit Entwerfen zu tun? In: Konzept 1. Architektur als Zeichensystem. Tübingen 1971, S. 17
[11] Zu dem von Helmuth Plessner verwendeten Begriff der Exzentrizität im Zusammenhang des szenischen Erlebens in der Architektur vgl. Szenische Kapazität a. a. O.
[12] Es fragt sich, ob es nicht zwischen den „Orten“, die nach Marc Augé immer symbolisch besetzt sind, und den austauschbaren „Nicht-Orten“ etwas Drittes gibt: Orte, die (noch) nicht sozial, kulturell und emotional besetzt aber in dieser Hinsicht anlagerungsfähig sind und ein Potenzial der affektiven Besetzbarkeit aufweisen. Vgl. Marc Augé, Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit. Frankfurt/M 1994
[13] Vgl. Ulrich Schulze, Annas Haus, Raum und Bewegung bei Giotto und Josef Frank. In: Szenische Kapazität, a. a. O.; Thomas Hasler, Szenische Kapazität, ebd.
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