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Alban Janson
Schwärze
Die räumliche Erfahrung von Farbe am Beispiel eines Hauses von Hiroshi Nakao
Es heißt, Hiroshi Nakaos Bauten seien ganz schwarz. Das erscheint ungewöhnlich. Man stelle sich vor: Ein ganz schwarzes
Haus! Vor allem im Inneren, Wände, Fußböden, Zimmerdecken, Türen, alles schwarz. Hiroshi Nakaos Haus mit Studio in
Tokorozawa (Tokyo) wird von der Familie eines Ikabana-Künstlers bewohnt. Kann man in so einem Haus überhaupt leben?
Wie hält es eine Familie mit Kindern darin längere Zeit aus?
Schwarz ist eine Farbe mit einer Fülle von Bedeutungen, die von unserer Sprache vielfach benannt werden. Ursprünglich im Sinne von
schmutzig weist ein Teil von ihnen ins Negative, ins Unglück (schwarzmalen, schwarzsehen, schwarzer Freitag), meint das Verbotene,
das Verborgene (Schwarzarbeit, Schwarzmarkt, Schwarzfahren). Doch dabei schwingt die Faszination des Geheimnisvollen mit (der
schwarze Mann, schwarze Magie, schwarze Messen). In den schwarzen Löchern verschwindet auf unerklärliche Weise Materie.
Die Vorstellung, dass die Schwärze nicht das Nichts bezeichnet, sondern dass darin oder dahinter noch etwas steckt, etwas Wesentliches
und Wertvolles, erklärt vielleicht auch die Verwendung von Schwarz als Farbe des Bedeutsamen und des Feierns (schwarzes Kleid,
schwarzer Anzug), der Vornehmheit und der Eleganz.
Schwarz bedeutet nicht etwa Nichts, sondern Alles. Das ist die Auffassung von Künstlern, die in ihren schwarzen Bildern versuchen,
die Summe aller Energien zu speichern, von Kasimir Malevitchs Schwarzem Quadrat, das die Summe aller Bilder sein sollte, bis zu
Ad Reinhardts schwarzen Bildern, in denen wir - wie in einem alchemistischen Verfahren - die Verdichtung all der vielen Fotos sehen
können, die er auf seinen Reisen gesammelt hatte. Im Widerstreit von Ursprung und Auslöschung wird die Kraft des Schwarzen zur
Kategorie des Erhabenen. Dunkelheit und Schwärze sind in der japanischen Tradition Phänomene, die - anders als im Westen -
auf subtile Weise kultiviert werden und mit reichen Bedeutungen aufgeladen sind. Nicht strahlende Helligkeit soll Klarheit schaffen,
sondern das differenzierte Spiel von Schatten und Dämmerlicht, von matt oder leicht schimmernden dunklen Materialien lässt die
wahren Eigenschaften der Dinge erahnen.
All diese Konnotationen spielen unterschwellig mit, wenn man einen von Hiroshi Nakaos Bauten erlebt. Es ist die Macht der
konventionellen Bedeutungswelten - unablösbar von unserer jeweiligen kulturellen Herkunft - denen wir uns nicht entziehen können,
auch wenn sie zu Klischees verdorrt sind.
Aber die schwarzen Bilder von Malevitch oder Reinhardt sind gar nicht ganz schwarz, das japanische Haus nicht völlig finster,
genauso wenig wie Nakaos Architektur. Beim genauen Hinsehen scheint etwas auf (Malevitchs Pinselspuren, Risse, die Unterschiede
im Farbauftrag der neun Felder Reinhardts, die feinen Schattenabstufungen im dunklen Raum). Mit dem genauen Hinsehen verlassen
wir die Ebene der Symbolik und widmen uns der unmittelbaren Erfahrung. Das ist auch für die präzise Raumwahrnehmung in Nakaos
Bauten entscheidend. Er selbst spricht wiederholt von der Rolle des Körpers oder des Leibs und seinem Verhältnis zum Raum und
thematisiert in seinen Projekten die leibliche Erfahrung und Wahrnehmung des Raums. Im Gegensatz zur reinen Materialität des Körpers
umfaßt ja der Leib auch virtuelle und geistige Dispositionen unserer Räumlichkeit, die Raumbeanspruchung, die Orientierung, die Gestik
unseres Im-Raum-Seins. Das Konzept der Leiblichkeit erlaubt uns, subjektive Raumerfahrung und architektonische Räumlichkeit als Einheit
zu begreifen. Die Schranken, welche die Leiblichkeit unserer Erfahrung setzt, sind gleichzeitig die Perspektive, die sie ihr bietet.
Im Inneren des Hauses mit Studio befindet man sich nicht in der Schwärze tiefster Finsternis. Wenn man sich durch die enge
Eingangsschleuse hindurch gewunden hat, erreicht man vielmehr einen durchlichteten Kernraum. Wir haben gehört, innen sei das
Haus schwarz gestrichen. Genau genommen sind die Holzoberflächen mit dunkler Farbe lasiert, welche die Maserung in unterschiedlichen Valeurs durchscheinen lässt: von tiefem Braun, selten richtig schwarz, bis zu helleren Brauntönen mit rötlichem Tiefenlicht. Die Lasurfähigkeit bzw.
Deckkraft der Farbe ist uneinheitlich und von der Saugfähigkeit des Holzes an der jeweiligen Stelle beeinflusst. Matte Stellen der
Oberfläche wechseln sich daher mit glänzenden Stellen ab, in denen die Farben der Umgebung reflektiert werden, womöglich auch das
Blau des Himmels. Zusammen mit der durchscheinenden stark geflammten Maserung ergibt sich eine unregelmäßige, lebendige
Erscheinung, die sich nicht in der Fläche hält, sondern über die sichtbare faktische Schichtung von Material und Farbauftrag hinaus
eine weitergehende Tiefenwirkung suggeriert. Unser Blick wird in die Tiefe des Materials eingelassen, die Oberfläche der Raumbegrenzung
scheint nachzugeben, die Raumausdehnung von innen nach außen zuzunehmen. Mit der schwarzen Wand wird die leibliche Sphäre der
Hausbewohner gerade nicht durch eine harte Grenze eingeschränkt, sondern in der diffusen Materialtiefe weich abgefedert. Die eigene
Verortung im Raum wird im Unklaren gelassen.
Ist die Oberfläche der Raumbegrenzung nach der einen Seite weiche Grenze zur Tiefe hin, so ist sie nach der anderen Seite - in der
Reflexion durch den schwarzen Oberflächenglanz - virtuelles Spiegelbild des ganzen Innenraums, zu dem die Bewohner selbst gehören.
Als Farbe nimmt das Schwarz sich gegenüber der Farbigkeit der Dinge im Raum dabei ganz zurück, wird ganz zum Rezeptor und
Hintergrund für die Buntheit von Lebensäußerungen der Bewohner. Für sie ist das schwarze Haus nicht ein Grab, sondern der dunkle
Grund, dem die banalen Dinge des Alltags etwas von seiner Bedeutungsschwere nehmen, vor dem sie zuweilen aber auch etwas
Geheimnisvolles erhalten und an Faszination gewinnen. Vor allem im Dämmerlicht erscheint der Raum wie von den dunklen Oberflächen
her verdichtet, so dass Dinge und Personen fast verschluckt und in ihrer Wahrnehmung verfremdet werden.
Von der wild reliefartigen Raumillusion der kontrastverstärkten Holzstruktur in der Tiefe bis zur Reflexion des Innenraums mit den Dingen
und zur raumverdichtenden Abstrahlung entfaltet die Schwärze der Raumbegrenzung selbst also eine ausgesprochene Raumhaltigkeit
(der Eindruck lässt sich mit Fotografien kaum wiedergeben). Anstelle des Nichts erscheint im Schwarz räumliche Fülle, die wir für unsere
eigene Raumentfaltung nicht als Verweigerung sondern als Spielraum erleben.
Auch das räumliche Gefüge des Hauses folgt übrigens einer gestuften Schichtung von innen nach außen. Die zentralen Kernräume sind
von einem Kranz von Nebenräumen umgeben. Darin artikuliert sich eine hierarchische Struktur von zentralen und peripheren Nutzungen.
Fenster und Terrassentüren sitzen in tiefen Nischen, die als Raumausstülpungen der Kernräume eine Verzahnung von innen und außen
erzielen. Die Volumen der Terrassenräume bilden Raumschichten, die den Kernbereich umlagern und im Inneren eine Distanz zum
Außenraum spürbar machen.
Die Entfaltung des Raumes von innen nach außen ist nicht das einzige Thema, das im Haus mit Studio durch Schwärze bearbeitet wird.
Die Schwärze ist auch ein Mittel, Bewegung im Raum und räumliche Gestik zu thematisieren. Sie ist nicht von innen nach außen,
sondern von unten nach oben gerichtet.
Der zentrale Raum im Erdgeschoss hat unter dem Esstisch in der Mitte des Raumes ein Loch im Fußboden, in dem die Beine Platz finden,
wenn man auf (halb)-japanische Art um den Tisch herum auf dem Boden sitzt. Diese Grube könnte man als die dunkelste Stelle im Haus
bezeichnen. Gleichzeitig reicht das Innere des Hauses an dieser Stelle auch am tiefsten in die Erde hinab. Als dunkelster und tiefster
Punkt steht diese Stelle unten im Gegensatz zum höchsten und hellsten Bereich des Hauses oben. Die Räume werden nach oben immer
heller. Anzahl und Größe der Fenster nehmen in den Obergeschossen zu, während die Kompaktheit des Gebäudevolumens in einer
gestaffelten Terrassierung nach oben hin abnimmt. Die vertikale Verbindung zwischen den Geschossen wird gleichzeitig offener und freier.
Die beiden unteren Ebenen sind durch ein enges Treppenhaus in der Ecke und ein kleines Loch in der Decke über dem Esstisch
verbunden, die beiden oberen durch eine Leiter im durchgehenden Luftraum. Auf einem schmalen Steg balanciert man zwischen den
Terrassenebenen im hellen Himmelslicht, das von allen Seiten einfällt. Obwohl auch hier oben Decke und Wände in der gleichen Weise
dunkel gefärbt sind wie unten, ist der Gegensatz extrem. Farbigkeit und Atmosphäre der Schwärze, die alles zusammenbindet, offenbaren
dabei eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit.
Von der dunklen Grube, in der unten die Füße stehen, zum Aufstieg ins Licht auf der steilen Leiter ganz oben begleiten diese
Veränderungen wie eine Geste die Befindlichkeit dessen, der sich hier bewegt. Die Schwärze schafft unten einen diffusen Grund,
aus dessen Schatten man schließlich hinaus steigt wie aus einem nach oben sich öffnenden Behälter, der dabei schrittweise seine
Begrenzungsfähigkeit verliert. Die dunklen Wandflächen lassen zuletzt das Holz als lebendes Material in den Vordergrund treten,
dort wo man sich auf der Höhe des hölzernen Geästs von Bäumen ganz anders bewegt als unten, wo die Bewegung in der
Dunkelheit zur Ruhe kommt.
Die Schwärze erweist sich in diesem Haus - wie auch in anderen Bauten Hiroshi Nakaos - als wandlungsfähiges Medium der
räumlichen Erfahrung.
Alban Janson 2003