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Alban Janson
EIne Frage der Vermittlung?
Mai 2006: Bei einer Exkursion mit Architekturstudenten nach Paris steht auch die „Maison La Roche“ von Le Corbusier auf dem Programm. Die Kenner schwelgen schon im Voraus. Schließlich ist das ein Höhepunkt in der ersten Hauptschaffensphase des Meisters, ein Paradebeispiel für die dramaturgische Beherrschung von Raumsequenzen, man denkt an die promenade architecturale. Die dreigeschossige Halle vermittelt bereits beim Betreten des Hauses einen Eindruck von der reichen Raumfülle des Hauses. Es wird ein Eintrittsgeld von zwei Euro erhoben. Ein Student des zweiten Semesters zögert mit dem Zahlen, er betritt erst mal das Haus, schaut sich kurz in der Halle um und geht wieder hinaus: „Lohnt das Eintrittsgeld nicht!“
Am Beginn des Studiums gehören Architekturstudenten häufig noch zu jenem Teil der Bevölkerung, welcher der Architektur in einem wenig entwickelten Verständnis gegenübertritt. Allmählich bewirkt das Architekturstudium dann einen Sinneswandel, manchmal bis zur Umkehrung der vorherigen Auffassungen. Müssen wir uns diesen Vorgang als eine Art Gehirnwäsche vorstellen, in der den jungen Menschen das „gesunde Volksempfinden“ ausgetrieben wird, bis sie zu bornierten Spezialisten geworden sind? In der Verständigung zwischen Architekten und architektonischen Laien tritt jedenfalls häufig eine kommunikative Kluft bis hin zu schierem Unverständnis zutage, als ob sie in verschiedenen Welten lebten und unterschiedliche Sprachen sprächen. Architekten erscheinen den „Benutzern“ als Spinner, die krampfhaft versuchen, weltfremde Ideen zu realisieren, um sich womöglich damit ein Denkmal zu setzen. Umgekehrt belächeln Architekten die Volksmeinung bzw. schimpfen auf diejenigen Nutzer, die in konzeptwidrigem Gebrauch das Bauwerk verschandeln. Die Klagen über diese Diskrepanz gehören zu unserem Alltag. Was sind die Gründe und wie kann man mit diesem Phänomen umgehen, anstatt zu lamentieren?
Architekten denken und sprechen in Begriffen von Konzept und Form, so will es vereinfacht das Klischee, Laien in Begriffen von Alltagsleben, praktischem Handeln und dem, was die Soziologen „Aneignung“ nennen. Dass Fachleute die Umwelt in Bezug auf ihr Fachgebiet anders wahrnehmen als andere Menschen, dass ihre differenzierte Wahrnehmung sich in einer spezialisierten Sprache spiegelt, ist nichts Ungewöhnliches. So wie die Behausung für Architekten den Gegenstand spezialisierter Wahrnehmung und Artikulation bildet, so die Natur für Biologen, Motoren für Ingenieure und entsprechend in vielen anderen Disziplinen. Dabei lässt sich meistens gar nicht vermeiden, dass Fachwissen und Fachsprache hermetisch gegen die Alltagskommunikation werden, so dass sich vom Fachdiskurs häufig eine Art Populärwissen abspaltet, das in einem Populärdiskurs präsentiert wird, der sich im Übrigen auch für die Wissenschaftssendungen im Fernsehen eignet.
Architektur wäre neben dem Vergleich mit anderen Wissenschaftsdisziplinen aber auch anderen künstlerischen Disziplinen gegenüberzustellen. Da wird es schwierig. Das Lexikon definiert die Architektur zwar als „Baukunst“, aber von den sogenannten freien Künsten unterschiedet sich die Architektur doch durch ihre unausweichliche Präsenz: Wenn Kunst schwierig wird, kann man sie aus dem Alltagsleben ausblenden. Architektur nicht. Hängt es damit vielleicht zusammen, dass Vorurteile und Unverständnis in der Diskussion über Architektur vorwiegend hervorgerufen werden durch die Frage nach ihrem Kunstcharakter, unkontrolliert vermengt mit Aspekten des Geschmacks- und des Gefallens? Auch wer Kunst sonst als elitären Bereich aus seinem Leben ausklammert, geht davon aus, dass Architektur ihm doch auf diesem Gebiet etwas zu bieten habe. Auch wer sich einen künstlerischen Diskurs sonst nicht zutraut, fühlt sich hier doch zuständig, mitzureden. Schnell geht es dann gar nicht mehr um Kunst, sondern nur um originelle Formen (Libeskind contra Hundertwasser) oder um die Reizeffekte sogenannter „Erlebnisse“. Dazu trägt zunehmend die spektakuläre Stararchitektur bei, für die ja auch nicht primär künstlerische Qualität entscheidend ist, sondern vor allem derjenige ästhetische Mehrwert, der sich nach den Gesetzen einer Ökonomie der Aufmerksamkeit vermarkten lässt.
Aber warum muss Architektur denn eigentlich dem immer schwieriger werdenden Kunstdiskurs unterworfen werden? Wäre es nicht nahe liegend, mit den Bewohnern und Benutzern über Architektur auf der Ebene ihrer primären Interessen zu kommunizieren, zu denen sicher nicht in erster Linie die Kunst gehört? Wenn Ästhetik nicht im Sinne von Kunst aufgefasst wird muss sie nicht getrennt vom praktischen Gebrauch der Architektur erfahren werden, sondern als ein Mittel, um auch den Zweck zu artikulieren. Architektonischer Anspruch wäre dann nicht etwas Aufgesetztes (auch noch Kunst!), sondern die gestalterische Bewältigung des Alltäglichen. Die Verständigung mit den Benutzern würde den Architekten (die ja auch alle Benutzer sind) womöglich leichter fallen wenn sie nicht nach dem Muster „Ich erkläre dir mein ästhetisches Konzept“ abliefe, sondern eher nach der Art: „Ich zeige dir, dass du hier besonders schön sitzen und rausgucken kannst“, womit wiederum nicht nur praktisch-technische oder ergonomische und wahrnehmungspsychologische Qualitäten betroffen sind, sondern auch alle emotionalen, geistigen, atmosphärischen und folglich auch ästhetischen Komponenten einer räumlichen Situation.
Mit welchen Mitteln der Verräumlichung die Architekten aber die besagten Qualitäten der Situation erzielen und welches ideelle architektonische Konzept dahinter steckt, liegt vermutlich schon nicht mehr im Bereich der unmittelbaren Erfahrung von Benutzern und Bewohnern. Müssen Benutzer, die nicht selbst architektonische Fachleute sind, das alles verstehen? Kein Mensch käme auf den Gedanken, zu verlangen, dass der BMW-Fahrer verstehen muss, wie der Ingenieur den Motor konstruiert und der Designer die Form entwickelt hat.
Oder gilt das alles nur für privat genutzte Architektur? Ist es bei öffentlichen Bauten, bei Architektur für die Gesellschaft ganz anders? Verlangt der ideelle Gehalt von Monumenten die Legitimation von Entscheidungen auf der Ebene des Konzepts, der formalen Idee? Hier drängt sich die Affinität zum Kunstwerk doch wieder auf. Anders als in Diskussionen über Architektur würde jedoch niemand als Kommentar zu einem Kunstwerk ernsthaft verlangen, dass es an der einen Stelle bitte etwas gekurvter sein sollte und an der anderen vielleicht etwas farbiger oder eine Erklärung dafür fordern, warum die Form schiefwinklig oder oval ist.
Hier tauchen allerdings einige weitere Fragen auf: Wie weit muss die Legitimation von Entscheidungen im Bauen wirklich gehen, soll sie technische Scharlatanerie oder formale Spleens verhindern? Muss Architektur sich von selbst verstehen oder darf sie die Kenntnis einer Entwurfstheorie voraussetzen? Häufig wäre schon viel gewonnen, wenn alle Beteiligten sich auf eine vorurteilslose, differenzierte Wahrnehmung einließen. Die ihrem Wesen nach subjektive Erfahrung von Architektur könnte dann intersubjektiv kommunizierbar werden, wohingegen Urteile und Bewertungen auf ihre Abhängigkeit von Wertmaßstäben, häufig von politischer Dimension, zurückzuführen wären. Doch wer vermittelt eine solche sorgsame Wahrnehmungskultur an wen? Die Kunsterzieher an ihre Schüler, die Architekten an ihre Bauherren, Nutzer, Investoren, an die Öffentlichkeit? Neuerdings wird mediale Architekturvermittlung als eigene Disziplin gefordert. Unter den Stichworten Marketing und Branding wird Architektur kurzerhand als Ware deklariert, die man nach den Regeln kapitalistischer Wirtschaft nun mal vermarkten muss. Man wird sich dabei der Sprache bedienen. Welche Sprache aber ist geeignet, in der Architektur das Wesentliche zu treffen? Die vereinnahmende Sprache der Werbung, eine raffinierte Bildsprache, eine Übersetzung der Fachsprache in die Umgangssprache? Da Sprache zugleich Interpretation ist, kommt es auf den lebensweltlichen Hintergrund an, vor dem sie operiert.
Oder bieten solche Erscheinungen wie das Hundertwasser-Phänomen (jede Stadt will einen Hundertwasser) eine Erklärungshilfe für das Verhältnis zwischen den Architekten und der übrigen Gesellschaft? Ist der Siegeszug von New Urbanism und Neoklassizismus in den Niederlanden, Amerika, China und anderswo ein Beleg dafür, dass die Architektur, die um 1800 noch in einem breiten Volksverständnis verankert war, sich mit der Avantgarde verrannt hat, wie die Brüder Krier behaupten? Und wird schließlich mit der zunehmenden Beliebtheit der Einrichtungssendungen im Fernsehen alles gut?
Alban Janson 2006
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